Reversible Gesichtsschwellung durch überpresstes H2O2
Fehler des Monats März 2006
Patient:
weiblich, 68 Jahre, gute körperliche Konstitution
beteiligte Medikamente:
H²O² aus der Apotheke 3%-ig
Was ist passiert?
Die Patientin stellte sich mit der Bitte um Wiederbefestigung einer herausgefallenen Krone an 13 vor. Auf Kältereiz reagierte der Zahn nicht. Die vorhandene Karies wurde nach Anästhesie des Zahns exkaviert. Der Wurzelkanaleingang war obliteriert, die Wurzelkanäle waren dementsprechend schwer aufzubereiten.
Während der weiteren Aufbereitung des Wurzelkanals nach endometrischer Längebestimmung (Raypex 4, Fa. VDW) sollte der Wurzelkanal mit 3%-iger H²O²-Lösung gespült werden. Es wurde mit 5 ml gespült. Nach Absetzen der Spülkanüle gab die Patientin an, dass ihr Auge sich ?irgendwie komisch anfühlen? würde. Das Unterlid war angeschwollen und verdeckte den Augapfel bereits komplett. Im Wangenbereich knisterte es bei Palpation.
Erstmaßnahmen:
Anschließend wurde durch Aspiration versucht, eine Teil der Flüssigkeit wieder abzusaugen, was natürlich nicht gelingen konnte. Es wurde wegen möglicher Überpressung infektiösen Kanalinhalts in den periapikalen Raum ein Antibiotikum und physikalische Therapie verordnet. Es erfolgte eine ausführliche Aufklärung und Dokumentation (Forensik).
Was war das Ergebnis?
Die Schwellung und mit ihr die Panik der Patientin nahmen rasch zu, am nächsten Tag waren die gesamte rechte Gesichtshälfte einschließlich des Halses total verschwollen, die Haut war straff gespannt. Erst nach 14 Tagen sah die Patientin wieder fast so aus wie früher. Auf dieser Seite ist jetzt, ein viertel Jahr später, die Nasolabialfurche stark vertieft (Überdehnung des Gewebes? Andererseits konnte selbst bei ausgeprägten Abszessen dieses Phänomen nicht beobachtet werden.)
Was waren die Gründe für den Fehler?
Hauptsächlich mangelnde Beobachtung der Patientin. Statt während des Spülens auch mal die Augen der Patientin anzusehen, wurde sich nur auf den Zahn konzentriert. Die Patientin ist nicht wehleidig, sie dachte (ich habe später nachgefragt) es muss so sein. Ich bin froh, kein NaOCl zu benutzen, dann wären die Komplikationen langfristig wesentlich schlimmer gewesen.
Was machen Sie dass ein solches Ereignis nicht mehr eintritt?
Sowohl ich als auch die assistierende Helferin achten während des Spülens auf das Gesicht, um Schmerzsensationen sofort erkennen zu können (Abbruch des Spülens, dadurch weniger Spüllösung in der periapikalen Region); ansonsten spüle ich weiterhin im Wechsel mit 3%-iger H²O²-lösung und Chlorhexidin und desinfiziere mit CHKM (Fa. Haupt).
Fragen des Kollegen:
- Kann die deutlich vertiefte Nasolabialfurche Folge der o.g. Überpressung von H²O²-Lösung sein?
- Gibt es physiotherapeutische Möglichkeiten, um das diesbezügliche Aussehen zu verbessern?