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13.05.06 16:47 Alter: 6 Jahr(e)

Schlafende Hunde wecken

 

Davon, einen schlafenden Hund zu wecken, spricht man, wenn man einen seit langer Zeit (in der Regel nicht besonders gut) wurzelgefüllten, beschwerdefreien Zahn ohne Revision behandelt, also beispielsweise überkront, und dieser dann in einem nicht allzu großen Abstand exazerbiert. Über solche Fälle kann jeder erfahrene Praktiker berichten, sie sind gar nicht so selten.

Patient:

Männlich, ca. 50 Jahre, mit WF an 26 und Kronen an 26 und 27. Der 27 war zu diesem Zeitpunkt bereits seit vielen Jahren insuffizient wurzelbehandelt. Damals glaubte ich noch, man könne eine solche WF bei Beschwerdefreiheit ohne Risiko belassen.

Was ist passiert?

Neuversorgung nach Hemisektion wegen einer rezidivierend abszedierenden Tasche zwischen 26 und 27. Die Krone an 27 war nach 15 Jahren keineswegs dezementiert, sondern dicht, ging schwer runter, und sowohl der Zement (Havard) als auch Aufbau unter 27 (Ketac-cem) waren völlig trocken. Die Wurzelfüllung war im diagnostizierbaren Bereich unverändert fest. Ein koronales Leck schließe ich daher nach menschlichem Ermessen aus. Der Aufbau wurde trotzdem entfernt und nach gründlicher Reinigung der Kavität (Anschleifen, H2O2) in SÄT mit Kunststoff erneuert.

Im Juli 2005 suchte mich der Patient mit einer dicken Backe auf. Auffällig ist, dass die Exazerbation häufig in einem relativ engen zeitlichen Zusammenhang mit einer Manipulation an dem betreffenden Zahn erfolgt.

Was war der Fehler?

Obwohl ich inzwischen mit der Nichtrevison insuffizienter Wurzelfüllungen trotz Beschwerdefreiheit schlechte Erfahrungen gemacht und das Protokoll geändert habe, hatte ich mich wegen der mindestens 20-jährigen Beschwerdefreiheit wieder einmal hinreißen lassen.

Was waren weitere Gründe?

Ich bin jetzt mehr denn je davon überzeugt, dass bei solchen Zähnen ein subtiles Gleichgewicht zwischen Angriff und Abwehr auf sehr niedrigem Niveau herrscht, das zu jedem Zeitpunkt zusammenbrechen kann.
Es können aber sicher auch zufällige andere Gründe eine Rolle spielen, wie z.B. eine schlechte Immunsituation wegen einer belastenden Erkrankung (scheidet in diesem Fall aus) oder wegen Stress (das wäre in diesem Falle denkbar).

Möglicherweise spielt auch der plötzliche Kontakt mit Sauerstoff eine Rolle. Immerhin handelt es sich ja zumindest teilweise um fakultativ anaerobe Keime.

Hintergrund:
In 2003 zeigte FIGDOR in seiner Studie, dass E. Faecalis auch unter extremen Bedingungen von Nahrungskarenz in verschlossenen Wurzelkanälen in einem metabolisch ausgesprochen reduziertem Zustand überlebensfähig ist. CHAVEZ DE PAZ hat in 2003 zweihundert Zähne mit periapikaler Ostitis nachuntersucht, wobei in mehr als 50% der Fälle (107 Zähne) Bakterien angezüchtet werden konnten. In einer Aufsehen erregenden in vivo-Untersuchung zeigten NAIR ET AL. 2005, dass in Wurzelkanälen von apikal beherdeten Zähnen, die nach dem sogenannten Goldstandard wurzelbehandelt worden waren, mit molekularbiologischen Nachweisverfahren in 88% der Fälle Bakterien nachzuweisen waren.


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