Weiterbasteln zahlt sich nicht aus
Gutmütigkeit rächt sich. Diese Erfahrung machte ein Kollege, der eine Praxis übernommen hatte und begonnene Fälle weiter versorgte.
Was ist passiert?
Ich muss vorausschicken, dass ich die Praxis im Oktober 2003 übernommen habe. Bei vielen Patienten sind die Zähne mit Stiften aufgebaut, aber keine Prothetik gemacht worden. Ich merke mit der Zeit, dass ich viele Fälle übernommen habe, in denen vorher viel gebastelt wurde. In ein paar Fällen haben ich weitergebastelt ? das rächt sich jetzt.
Dem Patienten habe ich Anfang 2004 eine Teleskopprothese eingegliedert (Teles auf 46 und 33, Freiendsattel 34-37). Heute kommt der Pat zur Kontrolle: Das Teleskop 46 hängt mitsamt Stiftaufbau im Sekundärteil. Der Zahn ist wohl verloren. Die Krone 45 war heute auch locker. Ist jetzt provisorisch wieder drin.
Ein unilaterales komplettes Freiende im 3. Quadranten mit einem ipsilateralen 3er Teleskop und nur einem kontralateralen Teleskop ? und das auf einem mit Stift versehenen Endo6er hatte keine guten Aussichten auf Erfolg. Ich hatte eine Drehachse 33 und 46, welche bei jedem Kauvorgang durch die Resilienz des Lagers im 3. Quadranten an den beiden Teleskopzähnen schaukelt. Der Stift an 46 hat sich beim Kauen kontinuierlich losgewackelt, letzten Endes hat die daraus resultierende Karies den Rest erledigt und sich der ganze Aufbau gelöst.
Welcher Schaden ist entstanden?
Ich werde wahrscheinlich die Garantiearbeit größer planen müssen (43,44,45 TK? und zweiter Freiendsattel 46 und 47) und die vergleichsweise höheren Kosten mit dem Patienten besprechen müssen. Ich werde wohl einen moderaten Eigenanteil für Kronen auf 44-45 fordern, Revision und Reparatur gehen auf meine Kappe.
Hier meine Fehleranalyse:
1. Warum ich vor der Versorgung kein aktuelles Rö-Bild gemacht habe, kann ich nicht sagen.
2. Warum ich die Nachbarzähne des 46 (44-45) nicht in die Versorgung einbezogen habe, ist auch nicht dokumentiert. Vermutlich sollte es günstig bleiben.
3. Damals hatte ich noch nicht die Erfahrung beim Entfernen von Stiften und auch nicht die Ausrüstung (Sandstrahler). Heute bin ich sicher, dass ich diese Stifte entfernen kann.
4. Damals fehlte mir auch noch das Vertrauen in meine Endodontie. Selbstverständlich würde ich heute vor einer Neuversorgung die WF revidieren. Bei solchen Zähnen heute grundsätzlich Revision. Auf eine klinisch ruhige Ostitis kann ich mich nicht so verlassen wie auf einen von mir revidierten Pfeiler
5. Die Prämolaren müssen revidiert werden. Einen endodontischen Misserfolg kann ich mir nach der Reparatur nicht leisten. Dann lieber geklebte Stifte, verblockte Teles. Tele auf einzelnem Stift sehe ich kritisch.
Wie hätte man die Fehler vermeiden können?
Alle Fehler haben eine Grundgemeinsamkeit: Ich hatte Probleme, den Patienten zu sagen: "Ist mir egal, wann die Zähne vorbehandelt wurden bzw. wann sie die Krone bekommen haben. Auf diesen Zähnen mache ich eine Versorgung nur nach neuer Vorbehandlung." Einen Behandler, der einige Jahre in eigener Praxis ist, trifft das ja nicht. Der kann es gleich richtig machen, kein Patient sagt: "Ich habe doch letztes Jahr erst für den Zahn bezahlt." Vor allem aber würde ich heute die Nachbarzähne mit einbeziehen (die ja schon damals fragwürdige Kronen hatten) und die Primärteles verblocken. Dann wäre zumindest die Reparatur heute einfacher, wenn sie überhaupt nötig wäre.