Allgemeinzahnärzte gegen Gesundheitskarte: 'Unsinn bleibt Unsinn, auch wenn er auf höchstem technischen Niveau daherkommt!'
Nicht nur die technischen Unzulänglichkeiten machen aus Sicht des Berufsverbandes der Allgemeinzahnärzte (BVAZ) die elektronische Gesundheitskarte (eGK oder auch eCard) überflüssig: "Die rund 55.000 deutschen Zahnärzte brauchen die Karte nicht, weil diese zahnmedizinisch sinnlos ist", urteilt Dr. med. dent Günter Kau, der Vorsitzende des BVAZ: "Es gibt keinen Grund für den Zahnarzt, sich auf dieses Kartensystem mit all den damit im Zusammenhang drohenden Problemen einzulassen."
Der von Protagonisten wohl am häufigsten genannte Vorteil eGK soll es sein, Diagnosen und Medikamentenverschreibungen nachhalten zu können, so dass "Ärztehopping", Medikamentenmissbrauch oder ungewollte kumulierte Nebenwirkungen durch einen "Medikamentencocktail" ausgeschlossen werden können. Anders aber als z.B. Allgemeinärzte oder Internisten arbeiten Zahnmediziner mit nur wenigen Medikamenten, von denen die meisten auch noch gängige Schmerzmittel oder Antibiotika sind. Zudem verordnen Zahnärzte traditionell zurückhaltend. So sind die sonst im Zusammenhang mit einer übermäßigen Gabe von Medikamenten befürchteten Nebenwirkungen gering. Und ein Ärztehopping einzelner Patienten, um dennoch an die gewünschten (zusätzlichen) Medikamente kommen zu können, schließt sich schon aufgrund der völlig anderen Arbeitsweise aus: Anders als ein Allgemeinmediziner oder ein Internist, der bei seiner Medikation auf die Angaben des Patienten und höchstenfalls auf Laborwerte angewiesen ist, kann der Zahnarzt meist sehr deutlich im Mund ablesen, ob und wann der Patient bei einem Kollegen war.
Da der Patient das Recht hat, einzelne Daten ausdrücklich nicht vermerken zu lassen, sind die Daten konsequenterweise nicht immer vollständig. Dadurch geht aber der Nutzen für den Praktiker gegen Null ? er muss ja sowieso noch mal nachfragen. Also gibt es ? außer dem verwaltungstechnischen Vorteil eines Abdrucks vom Foto des jeweils Versicherten und dem Aufdruck seiner lebenslang gültigen Versicherungsnummer - keinen medizinischen Grund für den Zahnarzt, sich auf dieses Kartensystem einzulassen.
Wenn schon die grundsätzliche Notwendigkeit einer solch aufwändigen Gesundheitskarte für Zahnärzte nicht gegeben ist, müssen Zahnärzte über die technische Sicherheit gar nicht mehr diskutieren, so Kau: "Unsinn bleibt Unsinn, auch wenn er auf höchstem technischen Niveau daherkommt. Bis jetzt wurde jedes angeblich noch so sichere IT-System geknackt. Vor 25 Jahren hätte der Chef der Stasi auch mit voller Überzeugung gesagt, die Akten seien sicher aufgehoben", so der BVAZ-Präsident.
Denn noch größer als die Gefahr eines illegalen Datenmissbrauchs ist aus Sicht des BVAZ die Gefahr, dass die Daten ganz offiziell missbraucht werden dürfen ? solche intimen Daten wecken eben einfach Begehrlichkeiten. Dass eine große deutsche Krankenkasse wohl Patientendaten an ein US-amerikanisches Callcenter übermittelt hat, von dem aus dann Patienten gesteuert ?medizinisch beraten? wurden, zeigt, wie schnell Daten auch von als "sicher" eingeschätzten Quellen an kommerzielle Anbieter für die unterschiedlichsten Aufgaben gelangen können.
Der Berufsverband der Allgemeinzahnärzte (BVAZ) unterstützt daher ausdrücklich die Initiative "Stoppt die eCard". Auf ihrer Webseite http://www.stoppt-die-e-card.de stellt die Initiative ein Unterschriftenformular für die Auslage in Allgemeinzahnarztpraxen bereit.
Pressemitteilung vom 26.8.2008