Die Bologna-Finte
Nicht wenige Delegierte zur Bundesversammlung der Bundeszahnärztekammer (BZÄK) halten die Einrichtung von postgraduierten Master-Studiengängen, die gegen viel Geld an der Hochschule absolviert werden sollen, deshalb für zwingend notwendig, weil sie diese als direkte Folge des Bologna-Prozesses und damit als gesetzlich vorgeschrieben ansehen.
"Die Verwirrung ist nachvollziehbar", kommentiert der Geschäftsführer des Berufsverbandes der Allgemeinzahnärzte (BVAZ), Dr. Dr. Rüdiger Osswald, entsprechende Fragen an seinen Verband. "Sowohl Hochschule als auch Bundeszahnärztekammer lassen schließlich nichts unversucht, diese falsche Vorstellung zu verstärken. Es drängt sich der Eindruck auf, als sei man entschlossen, jede Präzisierung zu verweigern und aufkommende Proteste auszusitzen."
Alleiniges Ziel der Bologna-Deklaration aus dem Jahr 1999 ist es jedoch, Studienabschlüsse international besser vergleichbar zu machen. Nur deshalb ist für den Prozess der Umsetzung der Deklaration der Bachelor und der Master als universitärer, also graduierter Abschluss gefordert worden.
"Der Bachelor ist bereits ein akademischer Grad", so Osswald weiter. "In der Folge ist der Master, den man anschließend als Student erwerben kann, ein postgraduierter Studienabschluss. Wer also behauptet, dass die von den Hochschulen gegen Geld angebotenen Masterstudiengänge wegen des Bologna-Prozesses zwingend erforderlich sind, sagt nicht die Wahrheit oder degradiert den approbierten Zahnarzt zum Bachelor. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass dies der Wille irgendeines Delegierten sein kann, der über die Zusammenhänge objektiv und vollständig informiert ist."
Wenn man die Forderungen der Bologna-Deklaration ohne Not unbedingt erfüllen will, geht es nur so, wie es die Schweizer gemacht haben. Diese hatten im Rahmen einer frühzeitigen Umsetzung ihren ?cand. med. dent.? zum Bachelor auf- und den approbierten Zahnarzt zum Master abgewertet. Was der ehemalige "cand.med.dent" allerdings mit diesem Bachelor-Abschluss anfangen kann, ist völlig offen. Möglicherweise soll er ja in einem modularen Weiterbildungssystem gegen Geld zum "Master of Dentalhandel" aufsteigen. Bei den Pharmareferenten gibt es schließlich auch zahlreiche nicht approbierte Mediziner.
"Wenn alle Zahnmediziner in der Folge der Umsetzung der Beschlüsse am Ende ihres Studiums bereits Master sind", so Osswald über die deutsche Bologna-Finte, "stellt sich doch die Frage, wer welches Interesse daran hat, dass wir diese Titel gegen Bezahlung erwerben."
Die Implementierung des von Hochschule und BZÄK geplanten modularen Weiterbildungssystems ist nur dann sinnvoll, wenn in einem zweiten Schritt doch noch zahlreiche weitere Fachzahnarzttitel eingeführt würden, wie dies der BZÄK-eigene Beirat Fortbildung schon im Sommer 2007 laut Veröffentlichung in den ?Zahnärztlichen Mitteilungen? (zm 97, Nr. 13, 01.07.2007, Seite 22-24) empfiehlt. Und dies entgegen den anders lautenden öffentlichen Beteuerungen des BZÄK-Vizepräsidenten, Dr. Dietmar Österreich.
"Wer im Bezug auf die Einführung weiterer Fachzahnärzte und sektoraler HVMs reinen Herzens ist", so Osswalds Fazit, "braucht ein modulares Weiterbildungssystem weder zu beraten noch zu beschließen. Denn Fortbildungs-Weltmeister sind die deutschen Allgemeinzahnärzte ohnehin, seit einigen Jahren sogar staatlich kontrollierte."
PRESSEMITTEILUNG vom 13. Juni 2008